Leseprobe


Wenn das Leben Wellen schlägt


Erster Teil


I.



Zum letzten Mal fahre ich nun die Auffahrt zu dieser wunderschönen Warft hoch. Der Weg wird umsäumt von großen, alten Eichen und vielen Rhododendronbüschen. Es ist ein Traum hier hinzufahren, ein Bild wie aus einem Märchen. Die Rhododendren werden bald in vol-ler Blüte stehen. Dazu der Kontrast der Eichenblätter in ihrem satten Grün. Auf den Weiden blühen die Obstbäume. Um sie herum stehen auf der rechten Seite Kühe, zur linken Pferde. Von der Einfahrt aus erblickt man nur das Reetdach dieses herrlichen, alten, weißen Bauernhauses. Mitten auf dem Weg bleibe ich stehen und betrachte ver-träumt diesen Frieden. Diese leuchtenden Farben des Frühlings wirken hypnotisierend. Gerade nach dem gestrigen Nieselregen erscheinen die Farben noch frischer. In mir breitet sich ein Gefühl von Neuanfang aus. Allerdings gibt es einen Neuanfang nur, wenn man gewisse Dinge zu Ende bringt. So reiße ich mich aus meinen träumerischen Gedan-ken los und fahre weiter. Ein Stück noch, durch dieses Holztor, und schon stehe ich vor dem großen Eingang des Bauernhauses.
Der Blick nach links versetzt mir auch heute wieder einen Stich ins Herz, denn dort steht es, das Boot, Jans Boot. Ein Traum in glänzen-dem Braun mit weißen Segeln. Auch heute noch bin ich überrascht, dass Jan es noch geschafft hat, sein Boot fertig zu stellen.
Welch eine Idylle, die jedoch bald ein Ende haben wird. Familie Mar-tens’ Nachkommen sind von Garding weggezogen. Keines der Kinder wollte hier als Landwirt leben und das Haus übernehmen. Daher blieb ihnen nichts anderes übrig, als das Haus mit dem vielen Land zu ver-kaufen. Nun entsteht dort ein kleines Hotel mit Wellnessabteilung. Familie Martens hat sich in der Nähe von Hamburg eine kleine Woh-nung in einem Altenwohnheim gemietet, um in der Nähe ihrer Kinder zu sein.
Dora, die neben mir im Auto sitzt, bellt aufgeregt. Dora war Familie Martens Dogge, ein Riesentier, aber verschmust wie ein Baby. 
Sieht so aus als müsste ich mich endlich aufraffen und mich um die Dinge kümmern, die ich hier zu erledigen habe.
Gar nicht so einfach, denn immer wenn ich hierher komme, sehe ich Jan dort an seinem Boot stehen, seine alten Schlappen an, einen di-cken Wollpullover, alte Jeans am Körper und Dora neben sich. Ich blicke in den Spiegel der Vergangenheit. Wie hat eigentlich alles an-gefangen?


                    II.


Es wird wirklich Zeit, dass ich mir endlich einen Computer zulege. Nur den älteren Mandanten macht es nichts aus, dass ich die Steuer-formulare immer noch mit der Hand ausfülle. Die Jüngeren zweifeln, allein durch das Fehlen eines Computers, an meiner Kompetenz. Als Steuerberaterin kämpfe ich mich Jahr für Jahr durch neue Gesetze, aber mit Computern wollte ich nie etwas zu tun haben. Jetzt im März ist genau die richtige Zeit für einen solchen Kauf. Bis zum Sommer habe ich mich eingearbeitet. Wenn die Kinder draußen spielen, kann ich in ihrer Nähe arbeiten. 
Nun stehe ich also hier in Husum in diesem chicen Laden.
„Ist das hier ein Selbstbedienungsladen“, frage ich leise vor mich hin.
„Guten Tag“, ertönt es plötzlich hinter mir aus dem Regal.
Haben die jetzt auch Computer in die Regale gebaut? Oh je, da taucht plötzlich ein wirklich gutaussehender, junger Mann hinter dem Regal auf. Tief Luft holen und los!
„Guten Tag, ausgesprochen nett, dass Sie ein klein wenig Zeit für mich erübrigen können. Einen neuen Computer hätte ich gerne.“
 Damit er nicht meint, er könne mir irgendwelchen Mist verkaufen, lege ich gleich mal los und zeige ihm, was ich drauf habe und was ich vor – kurzem?! – im Computerkurs gelernt habe.
„ 64 MB Arbeitsspeicher, sollten es schon sein, Festplatte 1,2 GB, 3,5 er Diskette, 40fach CD-Rom, Lautsprecher sicherlich 32 bit on board, na ja, so 80 Watt. Intel Pentium Prozessor. Mit Farbmonitor 17 Zoll, Farbtintenstrahldrucker mit max. Auflösung 600 x 800 dpi. Diesen hätte ich gerne in laserscharfer Druckqualität. Ich kann doch davon ausgehen, dass die Installation im Preis inbegriffen ist und eine Hotli-ne für 1 Jahr vorhanden ist. Nicht, dass ich davon ausgehe, mit diesem Luxusteil Probleme zu bekommen, aber man kann ja nie wissen. Zu-sätzlich hätte ich gerne die neue Software für Steuerberater.“
Puuuh!!!! Jetzt erst einmal Luft holen.
Der Verkäufer fängt lauthals an zu lachen und kann sich gar nicht be-ruhigen. Mein Gesicht muss ziemlich dumm aussehen, habe ich mög-licherweise etwas Falsches gesagt. Na endlich, er beruhigt sich wie-der, sein Gesicht ist puterrot.
„Wir sind hier nicht in einem Antiquitätenladen!“, meint er grinsend.
Bevor ich überhaupt irgendetwas entgegnen kann, bemerke ich einen Mann in einem grauen Kittel an der Kellertreppe. Wieso hat der einen Kittel an und kommt aus dem Keller? Sch......, sieht so aus, als wäre das der Verkäufer.
Grinsend sagt er: „Guten Tag, einen Augenblick bitte!“
„So Jan, ich musste einige Teile erneuern, wir hatten darüber ja bereits gesprochen, ist jetzt alles wieder in Ordnung. Sehen wir uns heute Abend?“, fragt der Kittel den Wollpullover.
„Mal sehen, hab noch einiges am Boot zu erledigen!“, antwortet der Wollpullover.
Er tippt sich an die Stirn wie ein Kapitän und ist schon verschwunden. 
Wie ein Depp stehe ich immer noch da, vollkommen verunsichert. Stand der Verkäufer denn schon länger an der Treppe? Was habe ich nur Falsches gesagt?
Während ich noch in Gedanken versunken, wird die Tür aufgerissen, der Typ von eben kommt in den Laden zurück, drückt mir seine Visi-tenkarte in die Hand und meint: „Falls Sie mal eine Antiquität zu ver-kaufen haben, rufen sie mich an, ich könnte sie evtl. für mein Boot gebrauchen.“
Ehe ich noch pieps sagen kann, stürmt er lachend wieder heraus.
Vollkommen neben mir stehend bewege ich mich zum Ausgang, als der Verkäufer mich mit seinen Worten aufhält: „Womit kann ich Ih-nen behilflich sein?“
In der Eile achte ich nicht auf die Visitenkarte und stecke sie in die Jackentasche.
Jetzt heißt es Haltung bewahren. „Einen tragbaren Computer hätte ich gerne!“
Diese ganze Leier von vorher erspare ich mir, irgendetwas war ja of-fensichtlich falsch.
„Außerdem benötige ich noch die Software für Steuerberater!“
Ich bleibe einfach freundlich und vorsichtig. Wirklich nett dieser Ver-käufer, er grinst nicht blöd und zeigt mir mehrere Objekte, er erklärt mir auch noch genau die Unterschiede, sogar so, dass selbst ich sie verstehen kann. Sogar die Steuerberatersoftware kann er mir besorgen, allerdings muss ich noch einmal wiederkommen. Na ja, ist jetzt auch schon egal. Überhaupt, auch er ist ein wirklich hübsches Exemplar von einem Mann, noch dazu freundlich und hilfsbereit.

„Unsere Computer verfügen über eine Hotline für die nächsten 24 Monate, aber so wie Sie aussehen, benötigen Sie die sicher nicht!“, fügt er mit einem netten Lächeln an.
Es ist mir doch ein wenig peinlich, so eine Show abgezogen zu haben, zumal der Verkäufer nicht nur kompetent, sondern auch charmant zu sein scheint.
„Bitte zögern Sie nicht, uns bei irgendwelchen Hardware-Problemen um Rat zu fragen, wir sind immer gerne behilflich!“
Mein Gott, jetzt setzt er auch noch einen drauf. Ist der wirklich so freundlich oder will er mich veräppeln? Hat er vielleicht meine Unter-haltung mit seinem Bekannten angehört? Na egal, ich brauche so ein Ding und zwar möglichst bald, die Kinder haben bestimmt schon das ganze Auto auseinander genommen.

Ann-Sophie und Lucas sitzen doch tatsächlich in trauter Zweisamkeit im Auto, Ann-Sophie spielt Gameboy, ein Geschenk ihrer Oma zu
ihrem 7. Geburtstag vor 3 Wochen. Lucas hört seine Märchenkasset-ten, die er mit seinen 5 Jahren immer noch heiß und innig liebt.
„Hallo Kinder!“
„Da bist du ja endlich! Kriegen wir jetzt ein Eis? Wir haben so lange gewartet!“, quengelt Ann-Sophie.
„Ich will auch sofort ein Eis, mit 3 Kugeln!“, stimmt Lucas mit ein.
„Na hört mal, meine Lieben, wer hat etwas von einem Eis gesagt?“
„Ach Mama, wir haben wirklich so lange gewartet! Bitte, wir waren auch ganz lieb!“, meint Ann-Sophie.
„Na ja, ihr habt ja recht. Also los, dann wollen wir mal, bei dem Preis kommt es jetzt auf ein  Eis auch nicht mehr an. Feiern wir also einen Neuanfang und gönnen uns ein großes Eis. Wenn ihr wollt auch ein Biene-Maja-Eis. Aber zuerst fahren wir nach Ording zurück. Heute ist ein so schöner, sonniger Tag. Wir fahren an den Strand und gehen in die „Doris“ ein Eis essen, o. k.“
„Okidoki Mum“, rufen beide einstimmig.

Vor vier Jahren sind wir von Gummersbach nach St. Peter Ording gezogen. Wir konnten in St. Peter Dorf ein Haus kaufen. Lucas war damals gerade ein Jahr alt, Ann-Sopie 3 Jahre.  Ben, mein Mann, war mit dem Firmenwagen seiner Versicherungsgesellschaft tödlich ver-unglückt. Bernhard! Ich erinnere mich noch an die Zeit, in der ich Ben kennen lernte. Erst ungefähr ein Jahr nach unserem ersten Treffen stellten wir fest, dass wir beide recht spießige Namen hatten. Er fand seinen Namen unerträglich und nannte sich bereits seit seinem 10. Lebensjahr nur noch Ben. Mir ging es ähnlich. Nicht nur die Gemein-samkeit bezüglich unserer Namen verband uns, sondern auch die Lie-be zum Meer. Leider muss ich sagen, dass waren fast all unsere Ge-meinsamkeiten. Ben war ein lieber und freundlicher Mensch, aber er hatte nie Zeit. Ben war Workaholic. Seine Arbeit war ihm am wich-tigsten. Trotzdem war Ben meine erste große Liebe. St. Peter-Ording war damals jährlich unser Urlaubsziel, mal im Frühling, mal im Herbst oder auch im Sommer, wenn Tausende sich auf der Sandbank tummeln. In jedem Jahr sind wir an „unserem Haus“ vorbeigelaufen. Es steht im Dorf am Waldrand. Ein kleines, altes, renovierungsbedürf-tiges Haus mit einem riesigen Grundstück und einigen kleinen Bäu-men. Vom ersten Urlaub an hatte es uns dieses Haus angetan. Wir haben es immer „unser Haus“ genannt und uns vorgenommen, es ir-gendwann einmal zu kaufen und zu renovieren. Leider kamen wir nicht mehr dazu.
Vier Jahre, was für eine lange Zeit, was seit dem alles passiert ist! Damals war es, als hätte man mir den Boden unter den Füßen wegge-zogen. Mit zwei kleinen Kindern plötzlich alleine, das war der Horror. In einer Art Kurzschlussreaktion habe ich mir in St. Peter das Haus angesehen und es zu einigermaßen günstigen Konditionen vom Geld der Versicherung und unserem Ersparten gekauft. Bens Unfall war nicht seine Schuld, ein entgegenkommender PKW-Fahrer hatte die Kurve geschnitten und war direkt in seinen Wagen gefahren.
Irgendetwas wollte ich haben, was mich mit ihm verbindet und das war dieses Haus.
Alle waren entsetzt, dass wir so plötzlich umziehen wollten. Dann wäre ich doch ganz allein, ohne Familie und Freunde, waren ihre Ar-gumente. Argumente, die sicherlich stimmten, aber manchmal ist Al-leinsein auch heilsam. Gerade Bens Eltern waren furchtbar schockiert, dass sie nun auch noch ihre Enkelkinder verlieren sollten. Für mich war all die Liebe meiner und seiner Eltern, unserer Freunde, Bekann-ten und Verwandten so erdrückend, dass ich einfach weg musste. Ich musste ans Meer, dorthin wo Ben und ich die einzige Zeit glücklich waren.
Nachdem ich die letzten Wochen in Gummersbach wie in Trance ver-bracht hatte, habe ich die restlichen Umzugskartons verpackt und los ging es an die Nordsee. Ann-Sophie mit ihren drei Jahren war begeis-tert, endlich ans Meer zu kommen, auch Lucas freute sich, buddeln zu können.
Während der ersten Zeit haben wir alle drei in einem Zimmer gelebt und konnten nur die Küche und das kleine Bad benutzen, denn in un-serem Haus mussten noch die Fenster erneuert werden, alles musste tapeziert und gestrichen werden, das große Bad musste komplett er-neuert werden und überall benötigten wir noch neue Türen. Es war das totale Chaos. Wir saßen mitten in einer Baustelle. Täglich noch dieser Windelwechsel in dem kleinen Bad und der Dreck überall. Während die Fenster und Türen eingesetzt wurden, waren wir bei Wind und Wetter unterwegs zum Strand. Im Februar ist es dort noch recht kalt, trotzdem gefiel es uns am Strand am besten. Die Kinder waren glück-lich. Sie haben nicht oft nach ihrem Vater gefragt, denn er war wegen seines Jobs oft erst abends zu Hause, wenn sie schon im Bett lagen. Auch an den Wochenenden hatte er oft noch einige Büroarbeit zu er-ledigen, so dass er wirklich wenig Zeit für sie hatte. Lucas und Ann waren viel zu beschäftigt, Burgen zu bauen, zu matschen und am Strand zu toben, um über irgendetwas nachzudenken. Bei ganz beson-ders schlechtem Wetter war die „Doris“, ein auf Stelzen gebautes Re-staurant, oft ein Anlaufziel. Am Abend waren die Kinder so erschöpft vom Toben, dass sie in kürzester Zeit eingeschlafen waren. Nun war-tete auf mich noch der ganze Dreck, das Tapezieren und Streichen. Zum Glück habe ich nach ein paar Tagen die nettesten Nachbarn der Welt kennen gelernt, nämlich Inga und Fred. Sie haben mir beim Re-novieren geholfen. Jetzt hatten wir beim Renovieren zwar vier Kinder, die uns die Pinsel verschleppten oder Tapeten bemalten, aber zu Dritt kamen wir gut voran.
Wie wir es geschafft haben, in vier Wochen das Gröbste zu erledigen, weiß ich bis heute noch nicht. Auch die Fenster und Türen wurden in so kurzer Zeit eingesetzt, dass ich es kaum fassen konnte. Fred hatte den Arbeitern Autogrammkarten der Stars von „Hart am Wind“ versprochen. Fred ist Aufnahmeleiter dieser Serie, die am Strand von St. Peter-Ording gedreht wird. Daher ist er auch ausnahmsweise für längere Zeit zu Hause, was ansonsten nicht der Fall ist, da die Drehorte anderer Serien oft in ganz Deutschland oder auch im Ausland liegen. Nach zwei Monaten hatten wir es geschafft, das Haus komplett zu renovieren, den Schutt abfahren zu lassen und den Garten neu zu gestalten, was mir am meisten Freude gemacht hat. Dabei konnten die Kinder wunderbar helfen. Abends mussten alle gründlich geschrubbt werden, wobei die Badewanne wie ein Moorbad aussah.
Nachdem das Haus endlich fertig war, konnte ich mich um eine Zei-tungsanzeige und Mandanten für meinen Job kümmern, damit etwas mehr Geld ins Haus kam. Von der Witwenrente allein konnten wir nicht besonders gut leben.
Die Jahre vergingen friedlich und mit viel Arbeit. Zeit, um an einen Mann zu denken, hatte ich gar nicht. All die Jahre brauchte ich auch, um mit der Trauer fertig zu werden, so dass mir das Alleinsein sehr gut tat. 

Es ist immer wieder ein toller Anblick, der breite, lange feinsandige Strand, das Meer und die auf Stelzen gebauten Restaurants am Stand. Lucas und Ann rennen über die schmale Holzbrücke und die Treppe hoch zur „Doris“. Die „Doris“ ist in den letzten Jahren zu unserem Lieblingsrestaurant in St. Peter geworden. Einen Wahnsinnsausblick hat man von hier oben, man übersieht einen großen Teil der Sandbank und blickt direkt aufs Meer. Beide Kinder rennen natürlich auf ihren Lieblingsplatz, direkt am Fenster, zu. Jetzt im Frühling sind noch ge-nügend Plätze frei, die Saison hat noch nicht begonnen. Ab Mai wird es hier zeitweise sehr voll. Lucas und Ann-Sophie bestellen sich ihr Lieblingseis „Biene Maja“ und ich einen Cappuccino. Trotz Eis kann Lucas wie immer nicht still sitzen und turnt wild auf dem Stuhl her-um. Ich schaue verträumt aufs Meer. Plötzlich gerät Lucas Stuhl ins Wanken, ich sehe entsetzt zu ihm, kann so schnell aber nicht mehr aufspringen. Wie aus dem Nichts taucht ein netter Mann auf und fängt ihn auf, bevor er unten ankommt. Lucas Eislöffel, voll beladen mit Schokoladeneis, landet dabei direkt auf der Hose des Mannes.
„Lucas, was machst du nur wieder! Kannst du denn nicht aufpassen?“, ermahne ich ihn. Meinen Blick nach oben richtend, schaue ich Lucas Retter an. Oh nein, das kann ja wohl nicht wahr sein. Ich blicke direkt in die Augen des Mannes aus dem Computerladen.
„Sieht so aus, als hätte ich mich bei Ihnen heute das zweite Mal bla-miert. Entschuldigen Sie bitte, das scheint heute nicht unser Tag zu sein. Die Reinigung bezahle ich selbstverständlich. Vielen Dank, dass Sie Lucas aufgefangen haben, er ist immer ein bisschen zappelig, wenn er längere Zeit irgendwo sitzen muss.“
„Da nicht für! Haben sie ihre Antiquität erstanden oder haben Sie sich einen guten neuen Computer zugelegt?“ fragt er. „Oh, ich sollte mich vielleicht erst einmal vorstellen, ich bin Jan Hansen.
„Johanna Jacob! Meine Freunde nennen mich Hanna, meinen Nach-namen habe ich mir selber ausgesucht, als ich geheiratet habe.“
Wieder lacht er, genau so, wie vor einiger Zeit im Computerladen. Dieses Mal fällt mir auf, dass es ein herzliches Lachen ist und stimme befreit mit ein. Auch die Kinder können nicht anders und lachen sich schief.
„Der Name passt hervorragend zu Ihnen. Darf ich Sie zu einem Kaffee oder etwas anderem einladen?“, fragt er.
„Selbstverständlich lade ich Sie zu einem Kaffee ein, wir haben ja schließlich den Schaden verursacht!“, antworte ich.
„Na, darüber können wir uns später streiten, wollen wir nicht erst einmal einen Kaffee oder einen Tee trinken?“
„Ja, ein Tee wäre gut, am besten ein Beruhigungstee.“, grinse ich ihn an.
 Auch er grinst und sieht dabei unverschämt gut aus.
„Für die hübsche Dame und den stürmischen Herrn vielleicht auch etwas zu Trinken?“ , fragt er Lucas und Ann-Sophie.
„Wir wollen Cola!“, antworten beide wie aus der Pistole geschossen.
„Kommt überhaupt nicht in Frage!“, erwidere ich ein wenig säuerlich. „Ihr könnt eine Sprite oder eine Fanta bekommen, ausnahmsweise.“
„Sprite“, sind sich beide einig.
Nachdem ich mich mit Jan eine Stunde lang nett unterhalten habe, fangen die Kinder an zu quengeln, sie wollen an den Strand. Auch ich könnte noch ein paar Meter gehen.
„Wir müssen leider gehen, es war sehr nett, mich mit Ihnen zu unterhalten. Luc und Ann wollen noch den Strand und ehrlich gesagt, wür-de mir ein wenig frische Luft auch sehr gut tun.“, sage ich verabschie-dend.
„Ein Sparziergang wäre genau das Richtige. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich gerne ein paar Meter mit Ihnen gehen, es sei denn, Ihr Mann hätte etwas dagegen.“, antwortet er lächelnd.
Wo hat der Mann nur dieses Lächeln her und diese wahnsinnig blauen Augen. Überhaupt hat er ein freundliches und herzliches Wesen, zu dem man gleich Vertrauen haben muss.
„Mein Mann ist seit vier Jahren tot, Autounfall, wir sind von Gum-mersbach dann hierher gezogen. Seitdem wohnen wir in einem kleinen Häuschen im Dorf.“, entgegne ich.
„Oh, das tut mir sehr leid, dann brauchen Sie sicherlich etwas männli-chen Schutz bei diesem stürmischen Wetter!“, meint er.
„Ja, das könnte schon möglich sein!“, erwidere ich, obwohl an diesem Tag kaum ein Lüftchen weht und die Sonne in ihrem schönsten Gelb strahlt oder kommt mir dieses Strahlen nur so vor? Sind nicht plötz-lich alle Farben etwas leuchtender als an anderen Tagen? Hoppla, Hanna, aufpassen. Seit vier Jahren hast du einen Mann nicht einmal aus der Ferne angesehen.
Ehe ich mich versehen habe, hat er unsere Rechnung bezahlt und un-sere Jacken geholt. Als wir aus der „Doris“ heraustreten, bleibe ich erst einmal stehen und atme die gute, salzhaltige  Luft ein. Jan steht hinter mir, ich höre ihn atmen. Eine unbekannte Wärme breitet sich in mir aus. Seine Nähe tut gut. Bei jedem Schritt, den ich die Treppe hinuntergehe, würde ich am liebsten vor Freude jauchzen. Diese Luft, der Anblick dieses wundervollen breiten Strandes, das Meer, unten laufen die Kinder, hinter mir Jan. Nach einer Stunde wollen die Kinder eine Burg bauen. Obwohl wir Frühling haben, ist es hier an der See recht frisch, trotz allem ist Jan nicht zu halten. So bauen wir alle vier begeistert eine tolle Burg. Lucas ist der Prinz und Ann-Sophie die Prinzessin.
Langsam wird mir kalt.
„Luc, Ann, wir müssen jetzt gehen!“, rufe ich die Kinder.
„Für mich gibt es noch einige Arbeit zu erledigen, es war ein schöner Tag, danke.“, wende ich mich an Jan.
Seine Augen, dieses Blau, noch nie habe ich in so tief blaue Augen gesehen. Sie halten mich gefangen. Er sieht mir so tief und lange in die Augen, dass mir schwindelig wird. Plötzlich fällt mir die Hose ein. Jan läuft immer noch mit der von Lucas vollgeschmierten Hose her-um.
„Bitte schicken Sie mir doch die Rechnung für die Reinigung der Ho-se.“, bitte ich Jan. „Machen Sie sich um solche Belanglosigkeiten mal keine Sorgen, aber wie wäre es, wenn Sie mich statt dessen mal zum Tee einladen?“, antwortet er frech mit einem Blick, der Lahme wieder laufen lässt.
„Darüber denke ich nach!“, erwidere ich.
„Sie haben ja noch meine Karte. In Zukunft werde ich meinen Steuer-bescheid in St. Peter erstellen lassen. Hätten Sie da eine Ahnung, wer als Steuerberater in Frage käme?“, fragt er und grinst mich an.
Nachdem ich ihm meine Karte gegeben habe, verschwinde ich schnell mit meinen Kindern gen Heimat, sonst geben meine Beine noch nach. Bei diesem Blick muss man ja schwach werden. Schnell nach Haus, denn einen Mann können wir derzeit überhaupt nicht gebrauchen.
„Mama“, fragt Lucas, „warum hast du so merkwürdige Flecken im Gesicht?“
Oh nein, das kann doch wohl nicht wahr sein, solche Flecken bekom-me ich immer in ganz besonderen Stress-Situationen oder ... wenn ich verliebt bin.
„Das kommt bestimmt von der kühlen Luft.“, beantworte ich Lucas Frage.
„Komisch, hast du ja noch nie gehabt.“, entgegnet er und saust in sein Zimmer.


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